Ein Ja, das Investoren und Stadt in die Pflicht nimmt – Hoffmatte Thun | Wohnen in Seenähe

Ein Ja, das Investoren und Stadt in die Pflicht nimmt

Bericht im Thuner Tagblatt vom 23. Januar 2020

Stellen Sie sich vor, in unmittelbarer Nähe Ihres Wohnhauses wird ein 29,9 Meter hohes Gebäude erstellt. Klar, dass das keine Freude auslöst – verständlich deshalb auch, dass sich Direktbetroffene wehren. So wie beim Projekt Hoffmatte, das eine neue Wohnüberbauung mit elf Gebäuden vorsieht, die zwischen 12 und knapp 30 Meter hoch sein werden. Weil Leist und Anwohner das Referendum ergriffen haben, stimmen die Thunerinnen und Thuner über die Umzonung ab, welche für die neue Wohnüberbauung notwendig ist. Doch bei allem Verständnis für die Anwohnerinnen und Anwohner: Das Projekt ergibt Sinn – und damit auch ein Ja am 9. Februar an der Urne.

Natürlich ist es ein Stück weit Schlaumeierei, wenn die höchsten Gebäude just 29,9 Meter messen und somit genau 10 Zentimeter unter der Hochhaus-Marke liegen. Denn offizielle Terminologie hin oder her: Ein hohes Haus bleibt ein hohes Haus – egal, ob es eine Smartphone-Länge höher oder tiefer ist. Doch bevor das Hoffmatte-Projekt in die öffentliche Auflage ging, waren drei bis vier zusätzliche Stockwerke vorgesehen. Insofern haben die Verantwortlichen die Bedenken der Kritiker durchaus ernst genommen.

Fakt ist zudem, dass es hier nicht um ein Stück Land irgendwo weit draussen im Grünen geht. Sondern um einen Teil der elftgrössten Stadt der Schweiz. Eine Stadt, die notabene durchaus sorgfältig mit ihrem Erbe umgeht. So sind Riesenbauten in Thun eben gerade kein Thema – ganz anders als in grösseren Städten wie Basel, das in den nächsten Jahren massiv in die Höhe wachsen wird. Mit den entsprechenden Auswirkungen auf das Ortsbild. Dieses wird auch beim Hoffmatte-Projekt beeinflusst, klar. Aber in einem für eine mittelgrosse Schweizer Stadt akzeptablen Rahmen.
Selbst die Gegner räumen zudem ein: Es ist absolut sinnvoll, auf diesem Areal an guter Lage anstelle von Industrie eine Wohnnutzung zu ermöglichen. Denn in Thun sind Wohnungen Mangelware. Der sehr tiefe Leerwohnungsbestand von 0,49 Prozent spricht Bände. Eine 17,5 Meter hohe Industriehalle in 10 Metern Distanz zur Wohnzone, wie sie in der heute geltenden Arbeitszone möglich wäre, würde in der Nachbarschaft wohl kaum jemanden glücklich machen – zumal zusätzlich mit Geruchs- und/oder Lärmimmissionen zu rechnen wäre.

Absolut sinnvoll ist es, dass im vorliegenden Projekt ebenfalls benötigte Pflegeplätze untergebracht wurden – im von der Stiftung Wohnen im Alter (WiA) geplanten Alters- und Pflegeheim. Die WiA ist auf einen neuen Standort dringend angewiesen. Und das Zugeständnis des Kantons für zusätzliche 47 Pflegeplätze ist an dieses Projekt gebunden. Hinzu kommen auf der Hoffmatte ein Quartierladen, Grünflächen für alle und eine Kita. Heim und Kita sorgen für eine willkommene Durchmischung der Generationen.

Durchaus zu Recht weist das Referendumskomitee auf die überdurchschnittlich grosse Zahl von Enthaltungen hin, die es zur Zonenplanänderung im Thuner Stadtrat gab: Es waren deren 12 bei 24 Ja-Stimmen – in der vorberatenden Kommission sogar 5 bei 3 Ja-Stimmen. Nur: Die meisten Enthaltungen waren darauf gemünzt, dass griffigere Energiestandards gewünscht wurden. Sie richteten sich also nicht gegen das Gesamtprojekt. Das zeigt sich nun auch im Abstimmungskampf. Selten waren sich die politischen Parteien in Thun in den letzten Jahren so einig – keine einzige Politikerin, kein einziger Politiker wirkt im Referendumskomitee mit.

In Sachen Umwelt, Energie und Mobilität kann und soll die Stadt bei vergleichbaren Projekten künftig durchaus mehr rechtlich verbindliche Vorgaben machen. Die Hoffmatte-Verantwortlichen haben den Wink mit dem Zaunpfahl aber auch so verstanden und aufgrund der Kritik im Stadtrat nachgebessert. Die Wärmeerzeugung für Heizung und Warmwasser soll zu 100 Prozent aus erneuerbarer Energie erfolgen, die Anzahl Parkplätze wurde von einst 1,2 auf maximal 0,9 pro Wohnung reduziert, für die Siedlung wird eine Car-Sharing-Flotte aufgebaut, die zudem vorwiegend aus Elektroautos besteht.

Die Gegner der Überbauung weisen darauf hin, dass all dies rechtlich nicht bindend sei. Aber die beteiligten Firmen Hoffmann Neopac AG und Frutiger AG können es sich schlicht nicht leisten, nach allenfalls gewonnener Abstimmung diese Versprechen nicht umzusetzen. Sie stehen in der Pflicht und müssen Wort halten. Ebenso was das Argument betrifft, hier werde Wohnraum für Familien geschaffen: Um dies zu erreichen, muss zumindest ein Teil der Wohnungen für Familien erschwinglich sein.

In der Verantwortung steht nicht zuletzt auch die Stadt: An ihr wird es sein, die Bedenken in Sachen Mehrverkehr mit sinnvollen Massnahmen zu entkräften. Das darf auch etwas kosten – schliesslich profitiert Thun vom Projekt finanziell. Denn die Investoren müssen einen Teil des Mehrwerts, den sie dank der Umzonung erhalten, abgelten. Ein Ja am 9. Februar kommt also nicht zuletzt den Steuerzahlerinnen und Steuerzahlern zugute.

Link zum Artikel: https://www.thunertagblatt.ch/18820915